Meine unbedachte Unmenschlichkeit

Wie man die eigene Erzählung entlarvt, um festzustellen, was für ein Unmensch man ist.

Gerade eben sass ich in der Stammkneipe, draussen, ein lauer (für mich zu heisser) Sommerabend, nette Gespräche über Mensch sein, Anstand und Respekt. Und alle schraubten an ihren eigenen Heldengeschichten. Soweit, so gut.

Und dann kam der Moment der Wahrheit.

Ein junger bärtiger Mann, offensichtlich unter Alkohol oder anderen Drogen, seine Schritte und die Art wie er ging, lief auf, wie ich es nenne, eine Kontrollverlustlevel von ungefähr 5 hin, 7 ist bei mir, wenn man sich an eine Wand lehnt und die Wand hört nicht auf zu schwanken. Bei 5 kann man nicht mehr in gerade Linie laufen und auch nicht mehr halbwegs glaubhaft vortäuschen, nicht von Kontrollverlusten betroffen zu sein.

Aber das war nicht der Punkt, der junge Mann schleppte eine kleine Matraze, die sehr sauber aussah und einen Rucksack mit sich. Dachte mir erst, ja heute ist sicher ein guter Tag um draussen zu übernachten.

Einer der Anwesenden äusserte dann etwas, dass für mich klang, wie, wenn du einen Platz zum Schlafen brauchst, kannst du mit zu mir kommen. Aber es war eine Fehlinterpretation, mein schwizerdütsch ist nicht gut genug und mein Gehörschaden ist auch nicht hilfreich, etwas richtig zu verstehen, was nicht in meine Richtung gesagt wurde. Ich weise darauf hin, dass das auch nur Ausreden sind, die Situation war mir von der Ansicht klar, aber ich habe kein Angebot gemacht. Wähnte mich sicher, weil ich die Ablehnung eines Anwesenden als Angebot missverstanden habe, haben wollte, vielleicht.

Wunderte mich noch kurz warum der junge Mann zur anderen Strassenseite wankte, hoffte für ihn, dass er nicht dabei überfahren wird, es war spät, also wenig Verkehr, heisst, wenn einer kommt ist er selten nüchtern und noch seltener langsam unterwegs, und ging wieder zurück.

Alles in mir schrie eigentlich: Frag ihn, ob er einen Schlafplatz braucht.

Und was tat ich? Gar nichts. Ich hätte ihn mit Schallgeschwindigkeit erreichen können, ich habe eine laute Stimme, ich kann in einem Saal für 300 Leute singen und jeder hört mich, ohne Verstärkung. Ich habe es nicht getan. Ich habe versagt.

Es ging nur um die Frage. Das Erkennen der Situation oder das vermeintliche Erkennen und eine Rückversicherung, dass man die Situation richtig einschätzt oder falsch. Alles weitere hätte sich entwickelt, wenn die Frage gestellt worden wäre.

Sie wurde nicht gestellt, von keinem der Helden der Menschlichkeit am Tisch, die alle Zeugen der Situation waren. Die einen mögen vielleicht eher begriffen haben, was ich nicht begreifen wollte, die Ablehnung, die wie eine Einladung klang, aber keiner von denen, einschliesslich mir, die vorher so auf "Menschlichkeit" gemacht haben, hat reagiert. Reagiert, wie man reagieren sollte. Eine Frage stellen um mehr zu erfahren. Mitmensch zu sein, den Anderen wahrzunehmen.

Es gibt sicher noch Menschen, die viel schlimmer auf diesen jungen Mann reagiert hätten, aber das ist keine Rechtfertigung. Insbesondere wenn man es vorher mit Anstand und Respekt hat. Worte sind hohl, wenn keine Taten folgen.

Ich konnte mich also bei meiner eigenen Unmenschlichkeit beobachten. Wie ich dem, was mein Wesen mir sagte, ignorierte, auch noch ironisch lamentierte, dass wir wohl gerade bei dem Test der Menschlichkeit versagt hätten. Macht es keinen Deut besser.

Ich erzähl mir Geschichten, damit ich ertragen kann, was ich bin, ein Unmensch. Und versuche es mit Rechtfertigungen, Situationen, Unzulänglichkeiten mir zurechtzubiegen. Ich belüge mich um nicht an der Realität meiner Unzulänglichkeit zu scheitern.

Natürlich ist es mir gelungen das eine oder andere Mal wie ein Mensch zu handeln. Aber das dient dann nur der Fassade des heroischen Selbstbilds unter dem unzählige Male des unmenschlich handeln liegen.

De facto: Ich bin ein Unmensch und würde so gern Mensch sein ...