Ungesicherte Erinnerungen

Ich erinnere mich noch gut an bestimmte Ereignisse. Zumindest meine ich es.

Eines der Ereignisse war mit den Hohler-Kindern, ihr Nachnahme war Hohler. Christel und Walter glaube ich, kann es aber nicht beschwören. Sie waren Sudentendeutsche, ich ein Kind von Eltern, die aus Dresden kamen und geflüchtet sind (rüber gemacht, wie es damals hiess) bevor die Mauer gebaut wurde. Meine Eltern brachten mir Hochdeutsch bei, nicht sächsisch. Heimatloser, ohne Sprachwurzeln, kann man fast nicht sein. Das ich Urdeutscher seit 1181 irgendwas bin, erfuhr ich erst viel später. Geschenkt.

Naja, die Hohlers waren in der "edlen" sudetendeutschen Gesellschaft nicht so die Stars, trivial gesagt. Aber sie spielten wenigsten mit mir. In mehrere Hinsicht. Anstiftung zu Unsinn, den besser ein anderer macht. Und die ehrenwerte sudetendeutsche Gesellschaft, die meisten dunkelbraun bis unter den Haaransatz, war nur eine erbärmliche Flüchtlingsgesellschaft, die es, wie meine Eltern, ins Allgäu geschafft hatten.

In die Nähe von Kaufbeuren, dass, oh Wunder, Creszentia sei Dank, von Bomben durch Nebel verschont wurde (weswegen Creszentia heilig gesprochen werden musste), obwohl eine ziemlich grosse Waffen- und Bombenfabrik der Nazis da stand, wo dann von den Flüchtlingen Neugablonz gegründet wurde. Klar Swarowski und eine zeitlang Hübner sind gross rausgekommen. Kenn ich beide. Und es gibt ein paar sehr leckere Gablonzer Gerichte, wie Serviettenknödel mit Szegediner Gulasch. Ebenso interessante Worte wie Seichwomsen (Ameisen). Aaräppel für Kartoffeln ist ja noch nachvollziehbar.

Gleich und gleich gesellt sich gern, mit Kaufbeuren hatten sie es gut getroffen. Entnazifizierung ist spurlos an Kaufbeuren vorbeigegangen. In Neugablonz gab es sogar einmal die bundesweit höchste Wählerquote für NPD, kam sogar in der tagesschau seinerzeit. Nicht das die Kaufbeurer CSU der NPD in irgendetwas nachgestanden wäre.

Für die Allgäuer, die nicht wissen ob sie Schwaben oder Bayern sind, waren wir Flüchtlinge, Abschaum, nicht eines Blickes würdig. "Zuag'reister" war noch freundlich. Unter den Flüchtlingen hatte ich die Arschkarte gezogen. Noch nicht mal Sudetendeutscher.

Da gab es dann die Situation mit den Hohler-Kindern. Am Leinauer Hang spielen und anspornen, wer am höchsten klettern kann. Konnte ich tatsächlich. Aber runter ging irgendwie nicht mehr. Zu weit weg für einen Bub mit sechs oder sieben Jahren. Ein Knirps.

Da klammerte ich mich also an den Ast und unter mir nichts. Ein Boden viel zu weit entfernt. Als Hilfe bekam ich höhnische Kommentare. Spring doch, Feigling und so. War unbequem, also hangelte ich mich auf den Ast und hatte wenigstens einen Sitzplatz. Von Hilfe seitens der Hohler-Kinder keine Spur. Nicht der Versuch noch mal ne Räuberleiter zu machen, die mich überhaupt soweit gebracht hat. Und langsam wurde es dunkel. Meine Bitten halfen nichts und irgendwann, nicht ohne gehässige Feiglingskommentare gingen die beiden einfach. Und ich sass fest, auf diesem Baum, auf diesem Ast.

Irgendwann bin ich gesprungen, hab mir natürlich den Fuss verstaucht und bin dann mühsam heimgehumpelt. Auch noch Ohrfeigen kassiert für zu spät kommen. War nicht die Zeit der Helikoptereltern. Wir waren draussen, irgendwo und die Regel war zum Abendessen um sechs zuhause zu sein.

Als ich ein paar Jahre später der Spitze des Eisberges die Krone rausschlug, hatte ich einen kurzen Moment Ruhe. Der Nachbarssohn, der Appelt Klaus, wir waren durchaus auch gute Freunde, hat sich von der hetzenden Meute hinreissen lassen, meinen Schulranzen aus dem ersten Stock der Schule zu werfen. Die Lineale und alles was wir brauchten waren teuer, meine Eltern haben sie sich vom Mund abgespart und wir haben bei der Heimarbeit geholfen, die waren nicht mal eben zu ersetzen. Das hab sogar ich verstanden, habe ja auch dafür gearbeitet, Plastik-Plaketten für irgendwas mit Elefanten und Schuhen blau bemalt. Scheiss viel Verdünner und Farbe im Spiel. Nicht gerade bekannt dafür, gesund zu sein. Erst recht nicht in schlecht belüfteten Kellern.

Wie auch immer, nach der Schule habe ich ihn abgepasst und ihm eine in die Fresse gedonnert. Hat ihn gleich einen Backenzahn gekostet, ein Riesentheater mit den Eltern und Nachbarseltern, entsprechende Prügel und was halt so üblich war. Wie, wisst ihr nicht was üblich war? Glaubt mir, ihr wollt es nicht wissen, nicht erfahren. Und es war noch harmlos gegen Vietnam, Napalm und all die Grausamkeiten, die damals schon ihr Unwesen trieben.

Aber ich hatte für eine kurze Zeit Ruhe. Die Zeit in der ich friedfertig wurde. Aus dem Hühnerleiterprinzip habe ich auch Tiere gequält, Insekten meistens, auch noch aus "Neugier". Mit wievielen Beinen kann eine Fliege fliegen, kann sie noch landen? Wieviel Beine braucht ein Weberknecht um sich noch bewegen zu können? Oder aus Spass rote Flecken machen. Es gibt da so kleine Krabbelviecher, Milben, die wunderschöne rote Flecken machen. Ein grosser Hit war auch Ameisenstrassen zu verbrennen. Mit einem Brennglas. Die gab es für lau in den Glashütten von Neugablonz, die fehlerhaften, immer noch gut genug um ein Desaster anzurichten.

Und irgendwann wurde mir klar, dass auch dieses Leben empfindungsfähig sein muss. Als ich genug Zeit hatte ohne Belästigung ein bisschen ich selbst zu sein. Die Neugier ist mir geblieben. Aber nicht um den Preis von Leid.

Heimatlos bin ich trotzdem geblieben. Sich den Respekt von Menschen erarbeiten bedeutet nicht gleichzeitig eine Heimat zu haben. Den Respekt habe ich mir in vieler Hinsicht erarbeitet. Eine Heimat habe ich nicht. Vielleicht Hannover oder so, da sagt man, dass die am besten hochdeutsch sprechen. Sprachlich gesehen. Der Rest ist auf dem Niveau von besseren Kneipenbekanntschaften mit der Ausnahme einer paar wenigen Menschen, denen ich etwas bedeute und die mir etwas bedeuten (Kinder und Familie zählt extra).

Apropos unsichere Erinnerungen: Ich bin mir sicher die Hohler-Kinder, wenn sie noch leben, haben eine andere Version. Ebenso der Appelt Klaus. Swarowski hat mich damals nur als Sohn meines Vaters wahrgenommen. Mit Max Hübner, der meinen Respekt hat, da er einer der Menschen war, die nicht politisch sondern menschlich denken, habe ich diverse Kontakte gehabt, dank meines Vaters, der bei diesem in der Entwicklungsabteilung gearbeitet hatte. Der hatte bestimmt auch eine andere Sicht auf die Dinge. Wie auch alle anderen. Ist nur mein persönliches Erinnerungsdesaster. Keiner weiss nix genaues nicht.