Fingerpointing

Warum haben wir immer die Tendenz Andere verantwortlich zu machen?

Es scheint mir mehr als menschlich, auf andere zu zeigen, wenn es darum geht, einen Schuldigen zu benennen. Ich brauchte um die vierzig Jahre um mir einzugestehen, dass vielleicht auch und gerade mein Verhalten Ursache des aktuellen Dilemmas ist. Ich bin Teil dieser Welt, actio=reactio, von nix kommt nix. Ich bin somit Teil des Problems und vielleicht auch Teil der Lösung.

Fühlen wir uns schuldig, aber wollen vermeiden, dass ein Urteil über uns gesprochen wird?

Woher kommt dieser unbändige Drang von Massen, martialische Hinrichtungen durchzuführen und zu geniessen? Der letzte war wohl Gaddafi, der medial und real so ermordet wurde. Man sah es auch bei dem Bild, wie Hillary Clinton, die geheime Exekution von Bin Laden mit Genuss verfolgt.

Es jagt mir Schauer über den Rücken, wenn sich Massen an Exekutionen weiden, sie gar als Volksfest zelebrieren. Egal ob in früherer oder späterer Vergangenheit. Der Tod ist etwas Endgültiges. Und er sollte, soweit möglich schnell erfolgen und mit Respekt für das gelebte Leben. Wer sich an Qual weidet, der kann sich mit Katzen auf eine Stufe stellen, die haben eine wahre Obsession ihre Opfer so lange als möglich zu quälen. Um ihre Jagdstrategien zu optimieren. Kann man so machen, aber kann man sich dann noch Mensch nennen?

Man muss sich doch fast fragen, wieviel Leid, wieviel persönliche Schuld, wird hier auf ein Opferlamm projeziert? Und warum sind die Massen in solchen Situationen so unmenschlich? Sind sie keine Menschen? Oder sollten sie sich anders nennen?

Und vor allem, wer von denen, die eine Exekution feiern (hängt ihn höher, vierteilen ...) ist frei von Schuld?

Monthy Python hat das recht witzig mit dem Verkauf von Steinen an bärtige Frauen für die Steinigung dargestellt.

Welche Abgründe haben sich in diesen Menschen angesammelt und vor allem, warum hat niemand etwas bemerkt oder dagegen unternommen?

Abgesehen davon, wirkliches Leid kann nur durch Leben erfahren werden. Der Tod verkürzt den Prozess.

Auch ich, Primat der ich bin, sehe mich, in letzter Zeit öfter, von Gewaltphantasien geplagt. Gegen jene, die den Menschen zur Ware machen. Die dem Menschen alles nehmen, was noch menschlich genannt werden kann. Und dann werde ich noch brutaler und wünsche ihnen ein Leben, in dem sie ihre Schuld abarbeiten, und sei es bei der Spargelernte. Weit weg von Macht sollen sie erfahren, wie es ist zu leben. Freundliche Menschen um sie herum, die sie vielleicht insgeheim bedauern, aber hilfsbereit bleiben. Menschen, die das Gegenteil von dem verkörpern, was diese Personen dargestellt haben. Die sie den Wert und die Tragik des Lebens zu schätzen lernen.

Und dann spiele ich Games in denen ich der faschistische Diktator bin, weil es einfach billiger ist, Arbeitskräfte in den Tod zu schicken, als teure Kämpfer (Spellforce), zum Beispiel. Gibt wenig Spiele und noch weniger Optionen in den Spielen, ein interessantes Ende herbeizuführen. Es kommt immer erst Töten und Plündern vor miteinander reden. Kenne kein Spiel in dem man einen entbehrbaren NPC, eine virtuelle Human Ressource, danach fragen könnte, ob er das will oder was er will.

Aber das lenkt nur ab. Denn, wenn man es genau nimmt, wer hat eigentlich ermöglicht, dass Personen an die Macht kamen, die nicht damit umgehen können? Wer hat durch Stillschweigen mit dazu beigetragen, dass die Situation so ist wie sie ist? Wer hat durch blinde Hoffnung blanken Hass ermöglicht? Das waren doch nicht die Witzfiguren und Statthalter, heute sagt man Politiker, die jetzt an den Hebeln der Macht sitzen?

Wer hat zum Wohl der Kinder oder des eigenen Wohls nicht in den sauren Apfel gebissen und ist nicht Kompromisse eingegangen, die er eigentlich nie eingehen wollte? Wer ist frei von Schuld?

Wenn wir von Exekution sprechen, der ultima ratio, dem willentlich herbeigeführten Ende einer Existenz, müssen wir auch von Schuld sprechen, so wie Kapitalismus ohne Faschismus nicht gedacht werden kann.

Wenn der Tod einer Person nur der Befriedigung von Sühnebedürfnissen dient, ist Schuld das einzige Kriterium. Müssten wir dann nicht alle auf dem Scheiterhaufen brennen, ohne Garotte oder Gift?

Und wer macht sich schuldiger? Der, der zulässt, dass ein Mensch, der nicht geeignet ist, an die Schaltstellen von Macht kommt oder die Witzfigur, die dann sagt, naja, ihr habt es doch so gewollt? Wer mag sich hier zum Richter aufschwingen? Mit der Gefahr selbst gerichtet zu werden?

Doch was wären jene die Unrecht befehlen, ohne jene die Unrecht ausführen? Oder zulassen?

In diesem Sinne bekenne ich mich schuldig. IT-Edelnutte herzloser Konzerne. Mehr ist nicht zu sagen.